Hamburg
09.03.2004

Seemanns Braut ist die Spree

Sie glauben, der Hans-Albers-Film „Große Freiheit Nr. 7“ wurde in St. Pauli gedreht? Von wegen!

Von Andreas Conrad

Im Deutschland des Jahres 1944 verbotener Schwarzmarktgeschäfte beschuldigt zu sein, war kaum der richtige Anlass, gegenüber der Obrigkeit aufzutrumpfen. Aber was soll man von einem schon erwarten, der einst auf die amtliche Weisung, er möge sein Hotelzimmer für einen dem Reich verbündeten König räumen, geantwortet hatte, das komme nicht in Frage, auch er sei ein König. Und so schrieb denn Hans Albers am 11. Dezember 1944 aus Prag an die Berliner Polizei, er lehne die Beschuldigung, während der Dreharbeiten zu „Große Freiheit Nr. 7“ auf dem schwarzen Markt im Hamburger Freihafen Cognac erworben zu haben, entschieden ab: „Als Beweis führe ich die Tatsache an, dass ich mit Scheck und nicht mit Bargeld bezahlt habe. Da ich schon im Frieden gewohnt war, für eine Flasche Cognac – französischen – 40 bis 50 RM zu bezahlen, war ich bei dem gegenständlichen Einkauf der Meinung, dies sei der übliche Preis, der jetzt im Kriege für einen guten französischen Marken-Cognac bezahlt wird, abgesehen davon, dass ich glaubte, ihn aus dem Privatbesitz eines Offiziers vom Propagandaministerium zu erwerben.“

Ein auch filmhistorisch aufschlussreiches Schreiben. Die drei damit verbundenen Städte – Hamburg, Berlin, Prag – bilden nicht nur das Dreieck, in dem die fragliche Konterbande versickerte. Dem Dreieck entwuchs auch einer der strahlendsten Kinomythen der Hansestadt – und für den Hamburger Schauspieler sein größter Leinwanderfolg. Ein – anders als von den Nationalsozialisten geplant – propagandistisch völlig unbrauchbarer Film, obwohl er durch politische Lage und Kriegsverlauf massiv beeinflusst wurde. So sehr, dass ohne die Ausweichdrehorte in Berlin und Prag aus der „Großen Freiheit“ kaum etwas geworden wäre.

An sich sollte Regisseur Helmut Käutner einen Kriegsfilm drehen, Propagandaminister Joseph Goebbels hatte da klare Vorstellungen. Etwas über tückische britische Matrosen, die im Ersten Weltkrieg im Wasser treibende deutsche U-Boot-Männer niedermetzeln. Käutner lieferte listig ein dilettantisches Exposé ab, ergänzte es mit dem Hinweis, dann käme wohl auch bald ein britischer Film gegen die deutsche U-Boot-Kriegsführung – und die Sache war vom Tisch. Aber im Seemannsmilieu sollte Käutners nächste Arbeit doch spielen, möglichst etwas zum Lobe des deutschen Volksliedes, wie die Weisung an die Berliner Terra-Filmkunst erging. Mit Richard Nicolas schrieb Käutner das Drehbuch – ein Melodram um den in St.Pauli, in der Großen Freiheit als Stimmungssänger gestrandeten Seemann Hannes (Hans Albers), der sich in die junge Gisa (Ilse Werner) verliebt, sie an den Werftarbeiter Willem (Hans Söhnker) verliert und wieder auf große Fahrt geht.

Die Dreharbeiten begannen am 5. Mai 1943 mit den Außenaufnahmen in Hamburg, für Albers eine Rückkehr in die Heimatstadt, mit vielen durchzechten Nächten – Käutner musste recht streng werden. Schwieriger waren die vom Propagandaministerium gesetzten Klippen zu umschiffen. Der geplante Titel „Große Freiheit“ ging sowieso nicht; um Fehldeutungen vorzubeugen, musste die Nr. 7 angehängt werden. Die Tarnnetze, unter denen der Hafen weitgehend verborgen war, durften auf keinen Fall ins Bild – eine Herausforderung für den Kameramann –, Hakenkreuze aber sollte Käutner jede Menge zeigen. Dagegen half wieder ein Trick. Die Kapitäne könnten doch die Hamburg-Fahne hissen, schlug Albers vor. Käutner ging noch weiter: „In die Bildtotalen und Großaufnahmen mit Hafenhintergrund ließ ich künstlichen Nebel legen, so dass kein Hakenkreuz mehr sichtbar war.“

Gegen alliierte Flugzeuge war mit Nebelkerzen nichts mehr auszurichten. Zwischen dem 25. Juli und dem 3. August 1943 wurde Hamburg Ziel des Unternehmens Gomorrha, sank unter dem Bombenhagel in Schutt und Asche. Das Filmteam überstand zwar den Feuersturm im Keller des Hotels Atlantic, von einem Aufnahmeplan aber konnte kaum mehr die Rede sein, wenn Drehorte im nächsten Augenblick verschwunden sein konnten.

Als es immer schlimmer wurde, zog das Filmteam nach Berlin um – für die Innenaufnahmen, wie Ilse Werner sich erinnerte. In anderen Quellen heißt es: Um in den Tempelhofer Ufa-Ateliers auf 70 Metern Länge die in Hamburg zerbombte Große Freiheit Haus für Haus wiederaufzubauen. Seit 1913 wurden am Südrand des Tempelhofer Feldes Filme gedreht. Vor dem Krieg waren die Ateliers an der Oberlandstraße noch einmal umgebaut worden, es gab nun 2660 Quadratmeter Studiofläche, verteilt auf vier Hallen, die vor allem von der Terra Filmkunst genutzt wurden, während die Ufa in Babelsberg drehte. Ein langes Leben war Berlins St. Pauli aber nicht beschieden. Laut Ilse Werner war die Große Freiheit „in der Mittelhalle aufgebaut. Nach einem Bombenangriff war sie hin.“

Also musste das Filmteam noch einmal umziehen, nach Prag. Das dortige Barrandow-Atelier war technisch auf dem neuesten Stand, bombensicher – und daher als Drehort beliebt. Anfang November konnte Käutner seinen Film in neuer Kulisse endlich beenden, zu sehen bekam man ihn in Deutschland vorerst nicht. Goebbels ließ ihn dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, vorführen, der sein Veto einlegte: „Dönitz vertrat die Meinung, der Film verstoße gegen die See- und Weltgeltung Hamburgs, und im Übrigen würden sich deutsche Seeleute nicht betrinken“, schilderte Käutner. Deutsche Frauen als leichte Mädchen zu zeigen, ging erst recht nicht.

Also wurde die Premiere abgesagt und „Große Freiheit Nr. 7“ am 12. Dezember 1944 verboten. Lediglich im Ausland durfte der Film gezeigt werden, die Weltpremiere erfolgte am 15. Dezember 1944 in Prag. Die deutschen Kinobesucher mussten bis zum 6. September 1945 warten, als die „Große Freiheit“ in der Filmbühne Wien am Kurfürstendamm uraufgeführt wurde.

Den Mythen Berlins, der Stadt, ohne die Käutners legendärer Hamburg-Film kaum denkbar wäre, hat der Regisseur Jahrzehnte später ebenfalls ein Denkmal gesetzt: „Der Hauptmann von Köpenick“, 1956 mit Heinz Rühmann in der Titelrolle entstanden. Diesmal drehte Käutner nicht an den Originaldrehorten, ja nicht mal in Berlin. Sein „Hauptmann von Köpenick“ ist ein Hamburger.



Zum Seitenanfang 2002 © Verlag Der Tagesspiegel GmbH