Hamburg
18.02.2004

Spinat mit Schafskäsesauce unter Haremslampen

Fatih Akin ist ein fantastischer Regisseur. Aber versteht er auch etwas von Kneipen? Ein Besuch in seinem Altonaer Stammlokal

Von Norbert Thomma

Sartre ging immer ins „Les Deux Magots“; wer den Philosophen in Paris gesucht hat, wusste also, wo er zu finden war. Helmut Dietls fester Platz war im „Romagna Antica“; er hat seinem Münchner Lieblingsitaliener mit dem Film „Rossini“ sogar ein Denkmal gebaut. Die Berliner „Paris Bar“ ist bekannt, weil dort Otto Sander und Wolfgang Joop die Gläser schwenken. Hemingway lehnte gern am Tresen des „La Floridita“ und trank Daiquiri, er trank ein paar Dutzend davon, aber ohne Zucker, weil Zucker ungesund ist. Heute lehnt Hemingway immer noch an dieser Theke, es ist nur sein Denkmal. Touristen in Havanna erschrecken ein bisschen, wenn sie die Tür im „Floridita“ aufmachen und sehen den toten Schriftsteller da stehen.

Ein einziger Prominenter als Stammgast – und schon wird ein Lokal zur Legende. Hamburg hat jetzt auch so etwas. Das „Sotiris“ ist der Heimathafen von Fatih Akin. Akin hat am Wochenende den Goldenen Bären bekommen, das ist einem deutschen Film seit 18 Jahren nicht passiert. Am Montag war das Gesicht des Regisseurs auf allen Titelseiten zu sehen, jetzt ist er ein Star (siehe Interview im Kulturteil). Und das „Sotiris“ ist ein Prominentenlokal, ob es will oder nicht. Ein Foto der griechischen Taverne stand schon in „Bild“.

Einmal die 8 bitte, gemischte Vorspeisenplatte! Man bestellt hier Nummern wie beim Chinesen. Nummer 8 kostet 6,40 Euro. Der Tisch wackelt ein wenig, der Schafskäsesalat (Chtipiti) ist ganz in Ordnung, den Rest der Platte sollte Wolfram Siebeck besser nie zu Gesicht bekommen. An der Wand hängt ein Krummdolch und das Imitat eines Freskos. Der Boden ist mit Marmorbruch ausgelegt.

Die elf Tische der Taverne sind gut belegt. Auf jedem Tisch liegen Zigaretten oder Tabakpäckchen zum Drehen. Unter den Gästen sind Nichtraucher eine aussterbende Minderheit. An der Decke schlafen zwei Ventilatoren. Die Kellner sind freundlich und verstehen sich gut, sie haben viel zu bereden.

Einmal die 161 bitte! Europas größte Boulevardzeitung hat herausgefunden, dass Fatih Akin immer die 161 isst, Spinat mit sahniger Schafskäsesauce zu 5,40 Euro. Andererseits, Akin ist 1973 geboren, damals trugen Studenten Sticker mit dem Slogan „BILD lügt“. Das mit der 161 muss also nicht stimmen. Es wäre aber keine ganz schlechte Wahl.

Warum der Regisseur überhaupt ins „Sotiris“ geht? Der Wirt heißt Adam Bousdoukos und besetzte in Akins erstem Spielfilm „Kurz und schmerzlos“ eine Hauptrolle. Die beiden sind Kumpels. Der „Spiegel“ titelte damals „Es war einmal in Altona“ – Francis Ford Coppola (der hat ein Weingut im Napa Valley) lässt grüßen. Bousdoukos ist auch ein Prominenter, in Altona jedenfalls, im „Sotiris“ bestimmt. Er hat sogar einen Eintrag bei www.promisichtung.de.

Als der Spinat kommt, läuft gerade „Under my thumb“ von den Stones. Die Präsidentin der Berlinale-Jury hat gesagt, Akins Film „Gegen die Wand“ sei „wie Rock’n’Roll“. So kraftvoll. Der Sahnesauce würde etwas Power gut tun. Neben dem Eingang steht ein weißes Klavier aus der Zeit des Rokoko. Als Wandschmuck gibt es eine Gitarre, Strandgut, Plastiksonnenblumen. Dazu düsteres Licht aus Haremslampen, rot und honigfarben. Von den Tischen platzt der Lack. Neue Gäste werden begrüßt wie Familienmitglieder.

Der Kellner sagt, das Fassbier sei alle, der Metaxa leider auch. Sie hätten gestern ein wenig gefeiert. Fatih Akins große Ehrung, was sonst. Und? „Es war schon lange hell.“ Nur um das einzuordnen: Laut Bundesamt für Seeschifffahrt war Sonnenaufgang am Montag um 7 Uhr 38. Der Kellner sagt, ich bringe euch zwei Ouzo, die gehn aufs Haus.

Das ist der Trick der griechischen Kneipiers: Gib den Leuten Ouzo und sie sind zufrieden. Und tatsächlich, die Gäste um einen herum gucken zufrieden. Bestimmt lesen sie „Le monde diplomatique“ und nicht den Guide Michelin. Was die wohl am 29.2. wählen? Das gefühlte Wahlverhalten der Menschen im „Sotiris“ ist etwa so: 89 Prozent wählen GAL, 7 Prozent wählen gar nicht (sie sagen: Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie längst verboten; 4 Prozent wählen nicht, weil sie keinen deutschen Pass haben.

Dies nur als kleiner Hinweis an die „War Rooms“ von CDU und SPD. Es hat wenig Sinn, auf die Popularität von Akin zu setzen und im „Sotiris“ Wahlkampf zu machen. Und die Cineasten müssen sich um den prominenten Regisseur keine Sorgen machen. Der hebt nicht ab. Wer hier seine Wurzeln hat, ist gut geerdet.

Taverna Sotiris, Barnerstr. 42, 22765 Hamburg, Telefon 390 10 97



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