gedruckte Ausgabe
vom 08.08.2005

Ressort: Dritte Seite

Die verschollene Wahrheit

George Weller war als erster Westjournalist in Nagasaki. Die US-Zensur verbot seine Berichte – jetzt sind sie plötzlich aufgetaucht

Von Christoph von Marschall, Washington

„An den verbogenen oder flach zu Boden gedrückten Skeletten der Mitsubishi-Waffenschmiede ist abzulesen, was die Atombombe gegen Stahl und Stein ausrichten kann. Aber was das entfesselte Atom menschlichem Fleisch und Knochen antut, das liegt verborgen hinter den Mauern zweier Krankenhäuser im Zentrum Nagasakis.“

George Weller war der erste westliche Augenzeuge, der Nagasaki nach dem Atombombenabwurf besuchte. Akribisch notierte der Kriegsberichterstatter der „Chicago Daily News“ tagelang, was er sah. 60 Jahre waren die Manuskripte verschollen, der Autor ist 2002 im Alter von 95 Jahren in dem Glauben gestorben, er habe im Sommer 1945 den Kampf gegen die amerikanische Militärzensur, die die Originale vernichtete, verloren und „die größte Geschichte meines Lebens“sei unrettbar vernichtet.

Doch Wellers Sohn Anthony fand 2003 Kohlepapierdurchschläge der Manuskripte, als er den Nachlass seines Vaters in dessen Villa in San Felice Circeo an der italienischen Küste südlich von Rom sichtete. Anthony ist ebenfalls Journalist und Romanautor, er lebt die meiste Zeit des Jahres in einem kleinen Fischerort wenige Meilen nördlich von Boston, Massachusetts. Die 75 maschinengeschriebenen Manuskriptseiten lagen „in einer Schachtel in dem chaotischen, von all den Papieren, die sich in 65 Jahren Korrespondentenleben ansammeln, übersäten Arbeitszimmer“, so hat der Sohn die Geschichte jetzt mehrmals Journalisten erzählt. Die sind hinter ihm her, seit vier der Weller-Berichte Ende Juni im Internet erschienen, nachdem die japanische Zeitung „Mainichi Daily News“ sie veröffentlicht hatte, nur wenige Wochen vor dem 60.Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Doch Anthony Wellers Literaturagent Henry Dunow unterbindet Medienkontakte mittlerweile nach Möglichkeit – aus Sorge, das Interesse könne bereits verpufft sein, wenn die gesammelten Berichte demnächst als Buch auf den Markt kommen.

Das ist kaum zu befürchten, dafür sind die drei ineinander verwobenen Stränge dieser Geschichte viel zu spannend und ergreifend: Wie sich George Weller gegen den Willen des US-Oberbefehlshabers Pazifik, General MacArthur, nach Nagasaki durchschlägt; wie seine erschütternden Erlebnisse ihn dort binnen weniger Tage von einem Verteidiger der neuen Waffe zu einem mitleidenden Chronisten des menschlichen Elends werden lassen; und schließlich das unglaubliche Schicksal dieser einzigartigen Berichte.

„Schau auf die eingedrückten Fassaden des amerikanischen Konsulats, drei Meilen vom Zentrum der Explosion, oder der katholischen Kirche, eine Meile in der entgegengesetzten Richtung, die zerquetscht sind, als handele es sich um Lebkuchen – dann begreifst du, dass das befreite Atom nichts verschont, was in seinem Weg steht. Menschen, die dieses Schicksal teilen, liegen in den beiden größten Spitälern, die Schultern, Arme, Gesichter mit Verbänden bedeckt… Einige Kinder sitzen bei ihren Müttern, die einen mit Verbrennungen, anderen sind ganze Haarbüschel ausgefallen.“

Weller ist Anfang September als erster Ausländer nach Nagasaki gekommen, vier Wochen, nachdem die 4,5 Tonnen schwere Bombe mit dem Namen „Fatman“ am 9. August 1945 um 11 Uhr 02 in 300 Meter Höhe über einem der Zentren der japanischen Waffenindustrie detoniert war. Erst an seinem zweiten Tag dort, nach ausführlicheren Gesprächen mit Ärzten, wird Weller allmählich der Horror der Verstrahlungsfolgen klar, der bis dato unbekannten, rätselhaften „Krankheit X“.

„Diese spezielle Atombombenkrankheit lässt sich nicht heilen, weil nicht behandeln – und nicht behandeln, weil nicht diagnostizieren. So nimmt sie sich immer noch täglich Leben. Männer, Frauen, Kinder ohne jede äußere Anzeichen von Verletzung sterben – obwohl sie drei, vier Wochen lang herumgelaufen sind im Glauben, entkommen zu sein. Die Ärzte haben alle modernen Medikamente, aber müssen eingestehen, dass diese Krankheit über ihre Künste geht. Ihre Patienten, deren Haut unversehrt ist, sterben unter ihren Augen.“

Ab diesem Moment mischt sich in seine anfangs kühlen, distanziert-analytischen Berichte allmählich Empathie mit den Japanern – die für ihn bis dahin unbarmherzige Kriegsgegner waren. Nun drängt sich beim Lesen bisweilen der Eindruck auf, Weller rette sich in manchen Passagen in medizinische Erwägungen, um Herr seiner Gefühle zu bleiben. Breit zitiert er die Erläuterungen, die ihm der Röntgenstrahlen-Spezialist Yosisada Nakashima gibt. Der sieht in „Disease X“ die Folgen von Beta-, Gamma- und Neutronenstrahlung, glaubt aber, dass diese Gefahr nur direkt nach der Explosion existiere und später keine tödliche Strahlung mehr in der betroffenen Region bestehe. „Die Symptome sind immer ähnlich“, zitiert Weller den Japaner. „Reduzierung der weißen Blutkörperchen, Verengung des Rachens, Erbrechen, Durchfall und kleine Blutansammlungen direkt unter der Haut.“ Manche Verstorbene seien seziert worden auf der Suche nach einer der bekannten inneren tödlichen Krankheiten. „Die Organe scheinen in einem normalen, gesunden Zustand zu sein. Die Menschen aber sind tot – getötet von der Atombombe –, und niemand kann erklären, wie.“ Weller schließt diesen vierten, vom 9. September 1945 datierten Bericht mit den Worten: „Am 11. September sollen 25 Amerikaner kommen, um den Ort der Explosion zu inspizieren. Die Japaner hoffen, dass sie ein Heilmittel gegen die Krankheit X mitbringen.“

Das Rätsel dieser Krankheit habe ihn am meisten fasziniert, verriet Weller Jahre später einem schwedischen Kollegen: „Ich musste meine vorgefasste Meinung, dass die Stadt in einem Feuersturm ausgelöscht worden war, beständig revidieren. In Wahrheit war Nagasaki nicht ausradiert. Die Folgen der Bombe waren viel subtiler, ja sogar unsichtbar ..., es war der Tod der Blutkörper, ein langsamer Tod. Als ich als erster Reporter nach Nagasaki kam, starben die Menschen immer noch.“

Ganz anders war die Tonlage im ersten Bericht am Tag zuvor. „Die Atombombe kann man als eine Waffe einordnen, die willkürlich benutzt werden könnte. Aber in Nagasaki war ihr Einsatz überlegt und richtig und so gnädig, wie man das bei einer derart gigantischen Kraft erwarten darf.“ Weller schätzt die Zahl der Toten auf 20000, weitere 4000 würden nach Polizeiangaben noch unter den Trümmern vermutet. Die tatsächliche Opferzahl wird weit höher liegen, über 75000. Und von weiteren 75000 Verwundeten werden viele später an Strahlungsfolgen sterben.

Doch Weller, hier noch ganz technikbegeisterter Feindbeobachter, führt aus, es hätte nicht einmal die von ihm geschätzten 20000 Toten geben müssen. Schuld seien „die völlig unzureichenden und zu wenigen Luftschutzeinrichtungen“, zudem habe der japanische Luftschutz „total versagt. Es gab einen generellen Alarm morgens um 7, vier Stunden, bevor die zwei B-29-Bomber über der Stadt erschienen, aber der wurde von der Bevölkerung ignoriert. Die Polizei behauptet, die Sirenen hätten zwei Minuten vor dem Abwurf geheult, doch die Leute sagen, sie hätten nichts gehört.“

Es sind fürchterliche Abwägungen, die Weller für seine Leser anstellt: „Wenn man alle Girlanden beiseite tut und die Story prüft, gewinnt man den Eindruck, dass die Atombombe eine mächtige, aber keine außergewöhnliche Waffe ist. Die Japaner haben in amerikanischen Radiosendern die Legende gehört, dass der Boden eine tödliche Strahlung speichert. Doch stundenlanges Wandern durch die Ruinen, in denen immer noch der starke Geruch verwesenden Fleisches hängt, löst im Autor zwar Übelkeit aus, aber keine Zeichen von Verbrennung oder Schwächung.“

Weller ist ein erfahrener Journalist, als er auf die größte Story seines Lebens stößt. Fotos aus der Zeit zeigen einen schlanken, mittelgroßen Mann Anfang 40 in Uniform, das gewellte hellbraune Haar nach rechts gescheitelt, mal versonnen in die Ferne, mal konzentriert auf den Notizblock blickend. 1942 hatte er den Pulitzerpreis gewonnen: für den Augenzeugenbericht von einer Blinddarmnotoperation in einem U-Boot tief unten im Südchinesischen Meer.

Er muss über großes Selbstbewusstsein verfügt haben. Er wusste, dass die US-Regierung keine Augenzeugenberichte aus Hiroshima und Nagasaki wünschte aus Furcht, die Leidensgeschichten könnten den Siegestaumel nach der bedingungslosen Kapitulation Japans am 2. September kippen. Zu jener Zeit wurden noch alle Berichte über Strahlungsschäden offiziell als „japanische Propaganda“ abgetan. Der Oberbefehlshaber in Asien, General MacArthur, hatte nach Wellers Überzeugung einen weiteren persönlichen Grund. Der Lorbeer, den Krieg gewonnen zu haben, sollte ihm zufallen, nicht den Atomphysikern als Vätern der Bombe, und ihm bei der angestrebten politischen Karriere helfen.

So nutzt Weller einen offiziellen Medientrip zu einer früheren Basis für japanische Kamikaze-Angriffe auf der Insel Kyushu direkt vor Japans Südküste, macht sich in der Nacht davon und nimmt ein Motorboot in die gegenüberliegende Küstenstadt, die per Eisenbahn mit Nagasaki verbunden ist. Da er ahnt, dass er dort nicht einfach ungestört herumlaufen kann, so erzählt sein Sohn Anthony die Geschichte, entfernt er die Schulterklappen, die ihn als Kriegsberichterstatter ausweisen, und gibt sich gegenüber dem kommandierenden japanischen General als „Oberst Weller“ aus, der die Lage sondieren und nach Tokio berichten soll. Als der Japaner die entsprechenden Befehle von MacArthur sehen möchte, antwortet Weller: „Wenn Sie meine Autorität in Frage stellen, rufen Sie ihn doch selbst an – doch überlegen Sie vorher, ob das eine gute Idee in Ihrer Lage ist.“ Weller bekommt freien Zutritt, zwei Autos und militärische Begleiter.

Mit denen sieht er sich anfangs in einem Propagandakampf, etwa beim ersten Besuch im Krankhaus, wo Erwachsene leise stöhnend auf Matten liegen, viele mit rotem Ausschlag, geschwollenen Hälsen oder schwarzen Zungen. „Der propagandabewusste Begleiter schaut dich bedeutsam an und fragt: Was sagen Sie dazu? Und das soll heißen: Finden Sie nicht auch, dass Amerika unmenschlich gehandelt hat, als es diese Waffe einsetzte? Wir wollen, dass Sie das schreiben.“

Weller bleibt nicht unberührt von dem, was er sieht. Die im Rückblick so zynisch klingende Verteidigung des Atomwaffeneinsatzes kurz nach seiner Ankunft wiederholt er nicht mehr. Selbst nach Tagen hat er den Eindruck, die richtige, die ganze Story immer noch nicht beisammen zu haben. Und so begeht er den Fehler, der ihn die Veröffentlichung kostet und den er später „meine verdammte Sturheit“ nennt. Am fünften Tag bringt die US-Airforce eine Gruppe Journalisten nach Nagasaki. Sie haben die Möglichkeit, Berichte ohne Eingreifen der Zensur direkt nach Amerika zu schicken, und bieten Weller an, seine Artikel mitzusenden. „Ich habe diese großartige Chance vertan, weil ich auf der Suche nach der umfassenden, der perfekten Story war.“

Einige Tage später schickt Weller seine Berichte nach Tokio, an die Militärzensur. „Ich wollte sie nicht herausschmuggeln, um den Behörden keinen Vorwand zu liefern, meine Recherche aufzuhalten“, schrieb Weller 1967. Doch General MacArthur war erbost über den Inhalt und ordnete die Vernichtung der Originale an. „Die haben gewonnen“, war Wellers Überzeugung bis zu seinem Tod.

60 Jahre später ist seine Wahrheit über Nagasaki doch noch ans Licht gekommen. Zumindest vor der Geschichte hat die Zensur nicht gesiegt.